Diese Erzählung aus dem Evangelium gehört zu den tiefgründigsten und eindringlichsten Dialogen des Neuen Testaments. Vor uns steht eine Geschichte von der Suche nach der Wahrheit, von den verborgenen Götzen unseres Herzens und von Gottes grenzenlosem Erbarmen.
1. Die Falle äußerer Rechtschaffenheit
Ein junger Mann kommt mit einer guten Frage zu Christus: „Was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu haben?“ Er meint es ernst. Er versucht nicht, Jesus wie die Pharisäer in eine Falle zu locken. Seit seiner Jugend hält er die Gebote: Er mordet nicht, stiehlt nicht und ehrt seine Eltern.
Doch in seiner Seele ist Unruhe. Er spürt: Äußere Regelbefolgung genügt nicht. „Was fehlt mir noch?“, fragt er. Diese Frage legt das Hauptproblem des Gesetzesdenkens offen. Man kann ein untadeliger Bürger und religiöser Mensch sein und Gott dennoch unendlich fern bleiben. Der junge Mann glaubte, das ewige Leben durch gute Werke „verdienen“ oder „erkaufen“ zu können.
2. Die Prüfung des Herzens
Christus sieht sein Herz. Er beginnt keinen Streit über das Gesetz. Der Herr weist auf das eine hin, das zwischen dem jungen Mann und Gott steht: seinen Reichtum.
„Geh hin, verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen … dann komm und folge mir nach.“
Diese Worte sind keine allgemeine Forderung, dass jeder Christ arm sein müsse. Sie sind wie das Skalpell eines Chirurgen, das einen bestimmten Tumor freilegt. Für diesen jungen Mann war sein Besitz nicht einfach Eigentum. Er war sein unsichtbarer Götze, seine eigentliche Komfortzone und seine Sicherheitsgarantie. Christus fordert ihn auf, dieses falsche Fundament einzureißen, damit sein Leben auf dem einzig wahren Fundament gegründet werden kann.
Und der junge Mann geht traurig fort. Er wollte das ewige Leben, war aber nicht bereit, dafür die Kontrolle über sein irdisches Leben aufzugeben.
3. Das Nadelöhr unseres Lebens
Die Worte Christi vom Kamel und vom Nadelöhr erschreckten die Jünger. In der Antike galt Reichtum als sichtbares Zeichen des Segens Gottes. Wenn selbst ein gesegneter Reicher nicht gerettet werden kann, „wer kann dann gerettet werden?“
Reichtum ist gefährlich, weil er die Illusion schafft, aus eigener Kraft auszukommen. Ein reicher Mensch meint, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Mit „Reichtum“ sind hier jedoch nicht nur Geld und Besitz gemeint. Unser „Besitz“ kann auch sein:
- unsere eigene Rechtschaffenheit und unser Stolz;
- unser gesellschaftlicher Status oder unsere Talente;
- unsere Anhänglichkeit an Bequemlichkeit, die Meinung anderer oder unsere Gewohnheiten.
Alles, woran wir uns krampfhaft festhalten und was wir Gott nicht überlassen wollen, ist unser „großer Besitz“, der uns den Eingang in das Himmelreich versperrt.
4. Nur Gott rettet
Das Ende dieser Geschichte schenkt uns Hoffnung. Auf die erschrockene Frage der Jünger antwortet Jesus:
„Bei den Menschen ist das unmöglich, bei Gott aber ist alles möglich.“
Die Rettung ist nicht das Ergebnis unserer vollkommenen Anstrengungen. Wir können nicht durch die enge Pforte des Himmelreichs gehen, solange wir mit den Knoten unserer irdischen Bindungen, Verdienste und Sünden beladen sind. Aus eigener Kraft kann der Mensch nicht gerettet werden.
Doch dort, wo die menschlichen Kräfte enden, beginnt Gottes Gnade. Gott kann ein Wunder wirken: unsere Hände öffnen, mit denen wir an Vergänglichem festhalten, unser Herz vom Egoismus heilen und uns durch jedes „Nadelöhr“ führen.
Schluss
Dieser Text richtet sich heute an jeden von uns. Christus verlangt nicht von allen, ihren Besitz bis auf den letzten Cent wegzugeben. Doch er stellt uns dieselbe Frage wie dem jungen Mann: „Was nimmt in deinem Leben meinen Platz ein?“
Sind wir bereit, Gott ganz zu vertrauen? Sind wir bereit, ihm zu folgen, auch wenn wir dafür auf Bequemlichkeit und Illusionen verzichten müssen? Bitten wir den Herrn, uns den Mut zu schenken, nicht traurig von ihm wegzugehen, sondern ihm unser Herz freudig zu geben.



