Die bescheidenen Anfänge und großen Pläne des ersten russisch-orthodoxen Klosters in Westeuropa
GÖTSCHENDORF – Es piept. Schrill und nervtötend, mitten hinein in die Rezitation des Berliner Erzbischofs Feofan, mitten hinein in den Gesang der Gläubigen. Der Feuermelder im Mönchshaus von Götschendorf ist angesprungen. Gerade wird das Gebäude geweiht, direkt unter dem Gerät hat ein Geistlicher den Weihrauchkessel geschwungen.

Priester und Gemeinde reißen die Fenster auf, schnell beruhigt sich der Feuermelder wieder. Eins der kleineren Probleme einer Klostergründung im 21. Jahrhundert ist damit erledigt. Viele weitere bleiben. Doch seit gestern ist es offiziell: In der Uckermark sind die Orthodoxen heimisch geworden. Das Schloss des 200-Einwohner-Ortes Götschendorf ist zum ersten Kloster des Moskauer Patriarchats in Westeuropa geworden, geweiht ist es dem heiligen Georg. Pater Daniil Irbits und die Mönche Gavriil und Martin bilden die Vorhut, sie sind ins frisch renovierte Mönchsgebäude gezogen. In Kürze werden die nächsten drei Glaubensbrüder in Götschendorf erwartet.

Fünfzehn, vielleicht auch 30 Mönche sollen einmal in der Uckermark beten und arbeiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik, ebenso wie die Restaurierung des Herrenhauses, das seit fast 20 Jahren leer steht. Ein Gästehaus, Tagungsräume, ein Ikonenmuseum und ein russisches Restaurant sollen dort entstehen, doch zurzeit blüht der Schwamm an den Wänden im Obergeschoss des 90 Jahre alten Baus, türmt sich Schutt, blättern Tapeten. Nur im Erdgeschoss ist mit einer prachtvollen Ikonenwand ein Kirchenraum eingerichtet. Hier feierten gestern rund 60 Gläubige aus den Gemeinden in Berlin und Rostock einen dreistündigen Gottesdienst, in dem die Geistlichen in ihren farbenprächigen Gewändern um Schloss und Mönchshaus zogen und die Gebäude weihten.

Dass die russischen Orthodoxen in die Uckermark kamen, ist zum großen Teil das Werk von zwei Deutschen: Norbert Kuchinke und Aribert Großkopf. Kuchinke war ab 1973 Moskau-Korrespondent für „Spiegel“ und „Stern“ und hat aus Russland seine Faszination für Ritus und Gesänge der Orthodoxen mitgebracht. Aribert Großkopf war von 1990 bis 1998 Abteilungsleiter in der Potsdamer Staatskanzlei unter Manfred Stolpe. Mit ihren Familien teilen sie sich ein Wochenendhaus direkt neben dem Klostergelände, und sie teilen sich auch die Arbeit beim ambitionieren Plan, die Uckermark zu einem Zentrum orthodoxen Glaubens zu machen. Kuchinke hält die Kontakte zur Kirche nach Moskau und wirbt in Russland um Sponsoren, Großkopf hält die lokalen Behörden auf Trab. „Ich sehe das als Regionalentwicklung“, sagt der Ex-Ministeriale Großkopf.

Doch in den vergangenen Jahren haben Kuchinke und er gemerkt, wie mühevoll der Weg zum Kloster am idyllischen Kölpinsee werden kann. Denn eigentlich sollten die Mönche schon vor zwei Jahren einziehen und die Kirche mit ihrem 27 Meter hohen Zwiebelturm bereits stehen. Für einen symbolischen Euro hat die russisch-orthodoxe Kirche das Gelände erworben und sich verpflichtet, binnen 15 Jahren vier Millionen Euro zu investieren. 2008 war Metropolit Kyrill, der heutige Patriarch in Moskau, bereits zur Grundsteinlegung gekommen. Doch von der Kirche steht bis heute nichts.

„Die Wirtschaftskrise kam dazwischen“, sagt Abt Daniil, „sie hat unsere Investoren getroffen.“ Der Hauptsponsor, Inhaber des Stahlwerks „Hammer und Sichel“, gab eine Million Euro und sprang dann ab. 1,5 Millionen Euro wurden laut Kuchinke inzwischen investiert – hauptsächlich in Heizung, Wasser- und Stromleitungen. Doch dieses Jahr soll es weitergehen: Zwei Millionen Euro habe allein die russische Bank für Außenwirtschaft zugesagt, im Sommer werde mit dem Kirchenbau begonnen. „Wladimir Putin ist bestens informiert, und Patriarch Kyrill hat versprochen zu helfen“, diktiert Kuchinke den Reportern in die Blöcke.

Am Rande der Veranstaltung stehen Klaus und Erna Liebthal und schauen sich neugierig an, wer in ihr altes Schloss einzieht. In der DDR war es Erholungsheim der NVA, später des Rates des Bezirks Frankfurt (Oder). Erna Liebthal arbeitete hier als Kellnerin, ihr Mann als Hausmeister. Sie wohnen schräg gegenüber und haben natürlich immer einen Blick darauf geworfen, was im Haus so passiert.

Dass sie nun neben einem Kloster wohnen, erregt sie nur mäßig. „Na ja, was es in Deutschland schon alles gibt, Moscheen und so“, entfährt es Klaus Liebthal, um dann hinzuzufügen: „Aber die Russen sind uns nicht fremd. Wir sind hier in der Uckermark ja mit denen aufgewachsen, haben mit ihnen gelebt.“

Drinnen beim Gottesdienst hat Erzbischof Feofan die Nähe beider Konfessionen betont, die dieses Jahr gemeinsam Ostern gefeiert haben. Dann geht es zum Festmahl. Bortschsch, Bliny, Stör und Wodka stehen auf den Tischen. Direkt neben Abt und Bischof sitzt das Ehepaar Kasner. Horst Kasner war Pfarrer in Templin, bekannter sind sie als Eltern von Angela Merkel. „Ergreifend“ sei der Gottesdienst gewesen, sagt Horst Kasner dem russischen Fernsehen, nennt das Kloster eine Bereicherung. „Christen sollen zueinander finden.“ (Von Jan Sternberg)

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