Noch ist das Gelände mit dem alten Herrenhaus im nordbrandenburgischen Götschendorf, eine Autostunde nördlich von Berlin, eine große Baustelle. Doch hier entsteht das erste russisch-orthodoxe Kloster des Moskauer Patriarchats in Westeuropa. Es soll auch ein Ort der Begegnung werden.

Text: Bettina Nöth/KNA

Fotos: Wolfgang Radtke

„Gospodi pomiluj“ – Herr erbarme dich – singt Mönch Nikolai Ukolov mit tiefer Stimme. Auf Kirchenslawisch stimmt der Russe einen monotonen Sprechgesang an. Er bekreuzigt sich beim Singen. Ein anderer Mönch schwingt mit weiten Bewegungen ein Weihrauchfass. Wenn die Ketten des goldenen Behälters aneinander schlagen, klingen sie wie helle Glöckchen. Unterbrochen wird der Gesang vom Hämmern und Klopfen, das von der nahen Baustelle in den Gebetsraum dringt. Hier, im nordbrandenburgischen Götschendorf leben russisch-orthodoxe Mönche. In der ehemals atheistisch geprägten Uckermark, soll ein Zentrum des Glaubens und des Dialogs zwischen Russland und Deutschland entstehen.

Wenn der 35-jährige Nikolai zur einzigen Bushaltestelle in Götschendorf läuft, wissen die Anwohner gleich, das ist einer aus dem Kloster: dezente Brille, gepflegter Bart, langes schwarzes Gewand. Von Moskau zog es den Theologen erst zur Promotion nach Berlin, dann verschlug es ihn in das 200-Seelen-Örtchen am Ufer des Kölpinsees. Mit drei weiteren Mönchen bezog er im Juni vergangenen Jahres das erste russisch-orthodoxe Kloster des Moskauer Patriarchats in Westeuropa. Fünf Mönche leben nun auf dem Gelände des ehemaligen Herrenhauses von Götschendorf.

Dass die orthodoxen Mönche aus Großstädten wie St. Petersburg, Riga und Minsk ausgerechnet in die dünn besiedelte Uckermark kamen, ist das Werk von zwei Deutschen: Norbert Kuchinke, ehemaliger Moskau-Korrespondent von „Spiegel“ und „Stern“, und Aribert Großkopf, ein früherer Abteilungsleiter in der Potsdamer Staatskanzlei. Die Russlandfans hatten die Idee für das Kloster, sie haben den Ort und die Sponsoren für das Projekt gefunden.

Der inzwischen verstorbene Vater der Bundeskanzlerin, der evangelische Pfarrer Horst Kasner, schlug ihnen Götschendorf vor. Es sollte eine „ganz arme Gegend Brandenburgs mit schöner Natur sein“, erklärt Großkopf. Das Kloster soll zur „Regionalentwicklung“ in der Heimat der Kanzlerin beitragen. Und nicht nur das: Nach Götschendorf, das zu DDR-Zeiten wegen seines Betonwerks stark politisch geprägt war und wo kirchliche Arbeit nicht gern gesehen wurde, sollen in Zukunft Gläubige aus ganz Deutschland pilgern.

Derzeit ist das Gelände jedoch noch eine große Baustelle. In der Regenrinne des Herrenhauses wächst Gras. An den notdürftig verputzten Wänden hängen Tapetenreste, auf dem Parkettboden sind weiße Farbflecken.

Um 9.30 Uhr beginnen die Mönche in der provisorischen Kapelle gemeinsam den Tag mit der Feier der „Göttlichen Liturgie“. Nikolai entzündet lange dünne Kerzen vor zwei Ikonen, den mit Gold verzierten Bildern des Heiligen Georgs und der Gottesmutter Maria. Eine weiß-goldene Ikonostase, eine kunstvoll verzierte Wand mit Heiligenbildern, trennt den Besucher- vom Altarraum. Golden bestickt ist das Gewand des Priestermönchs, golden blinken Schale und Kelch mit Brot und Wein, über die er segnend seine Hände hält.

Grauer Beton und weiße Kalksteine dominieren hingegen den Rohbau der St.-Georgs-Kirche, die neben dem Herrenhaus entsteht. Lokale Firmen bauen ein klassisch orthodoxes Gotteshaus mit einem 27 Meter hohen hölzernen Zwiebelturm. Der 36-jährige Abt Daniil Irbits hofft, dass die Kirche in einem Jahr geweiht werden kann. Dann ist dort Platz für 300 Pilger. Bislang nimmt an den Sonntagsgottesdiensten nur eine Handvoll Gläubige teil.

Im Herrenhaus sollen ein Hotel, ein russisches Restaurant und ein Kultur- und Begegnungszentrum entstehen, erklärt der Abt. Zudem wollen die Mönche das sieben Hektar große Gelände zu einem Biohof umwandeln, mit großem Garten, Bäckerei, Kühen, Ziegen, Hühnern und einer Klosterbrauerei. Der Abt träumt von einem Park am Seeufer: „mit Rosen – wie im Vatikan“.Doch ob sein Traum in Erfüllung, geht ist offen: Den russischen Hauptsponsor hat die Finanzkrise getroffen. Außerdem fehlen Mönche, die den Hof bestellen.
An Festtagen besuchen die Mönche die Gottesdienste in der benachbarten katholischen und evangelischen Kirche. „Für uns ist es eine Bereicherung“, sagt der katholische Pfarrer von Templin, Thomas Höhle. Die evangelische Pfarrerin aus dem benachbarten Milmersdorf, Rosemarie Penz, und ihr Mann halfen schon bei einem Arbeitseinsatz auf dem Klostergelände. Die Götschendorfer wiederum sind froh, dass ihr Herrenhaus wieder hergerichtet wird. „Da kommt ein bisschen Leben ins Dorf“, sagt eine Nachbarin. Ein anderer Anwohner vermietet seine Gartenlaube an Gäste des Klosters.Denn bisher sind junge Intellektuelle wie Nikolai ins Kloster eingezogen. Statt auf dem Feld zu arbeiten, tauscht sich der Theologe lieber mit evangelischen Kollegen aus. Nicht Pflug, sondern Laptop ist sein Werkzeug. In seinem Zimmer liegen überall Bücher: auf dem Schreibtisch, dem Fensterbrett, der Kommode. Zwei bis drei Tage in der Woche arbeitet er an der Berliner Humboldt-Universität. „Zwischen evangelischer und orthodoxer Theologie gibt es viele Gemeinsamkeiten“, erklärt Nikolai.

Die Mönche haben sich im ersten Jahr auf dem Dorf so gut es geht eingelebt. Ihre bislang noch überschaubaren Kontakte pflegen sie via Handy und Internet. „Wir sind offen für alle, auch für Atheisten“, wird Abt Irbits nicht müde zu betonen. Er ist Mitglied im Integrationsbeirat der Bundesregierung. Auf seinem Smartphone ist er ständig erreichbar. Und er setzt große Hoffnungen auf Facebook. Schließlich hat er den derzeitigen Novizen über das russische soziale Netzwerk

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